Ich – Du – Sie / Über die Kunst sich abzugrenzen

Die Dialysestation ist im Spitalbetrieb ein Sonderfall: Hier kennen sich das Pflegefachpersonal und die Patientinnen und Patienten oftmals weit über zehn Jahre lang. Natürlich lernt man sich in dieser Zeit besser kennen als auf anderen Stationen.

Wir – die Freiwilligen – kommen also auf eine Abteilung, in der wohl andere Regeln gelten müssen. Die Geschichten, die man hört, verblassen beim nächsten Besuch nicht, denn man sitzt wieder vor dem gleichen Menschen und stellt sich folglich allem Gehörten und gemeinsam Erlebten aufs Neue. Das ist eigentlich wunderschön. So schön, dass man gar nicht aufhören will, die Person besser kennen zu lernen. Es geht um Neugier, um Achtsamkeit, Wertschätzung, um Empathie. Fähigkeiten, die wir alle hoch achten. Manche Patienten duzt man, manche nicht. Ob das DU stimmt, merkt man. Sollte es eines Tages nicht mehr stimmen, könne man es auch zurück ziehen, hiess es. Wäre dies denn so einfach? Und wenn man eine traurige Lebensgeschichte mit nach Hause nimmt, kann man diese denn so einfach abschütteln?

Es ist wie immer und überall im Leben eine Frage der Abgrenzung. Und in unserem Fall hat die Frage nach der Abgrenzung auch mit der Rollenfindung als Freiwillige und Freiwilliger zu tun. Wenn man als Freiwillige tätig wird, hört man immer wieder, man sei eine Art Angehörige, niemals eine Pflegende. Und weil man freiwillig da ist, muss man auch nichts, sondern darf und könne überhaupt problemlos seine eigenen Grenzen ziehen. Ganz einfach.

Freiwillig in einem Spital zu arbeiten bedeutet, sich von gewissen Aufgaben befreien zu dürfen, wenn diese einem zu nahe gehen, ja. Deswegen ist man aber bestimmt nicht befreit von jeglichen Pflichten und am wenigsten beschützt vor Emotionen. Und das wollen wir schliesslich auch nicht. Kurz: Freiwilligenarbeit ist kein Hobby und schon gar kein einfaches. Die Anteilnahme, die von einem gefordert wird – und ohne die man auch nicht freiwillig arbeiten kann – legt man nicht ab, kaum verlässt man (wie in unserem Fall) das Spital.

Wichtig scheint mir, dass wir uns der Zwischenrolle, die wir einnehmen, bewusst sind und uns deshalb nicht hinter einer Berufsbezeichnung verstecken können, aber dass wir dennoch professionell arbeiten und dies unter dem Dach eines kantonalen Spitals. Das bedeutet, dass wir unsere Zeit vor Ort bis zu einem gewissen Punkt als Arbeitszeit betrachten. Daraus resultieren dann auch Regeln, die jeder für sich verbindlich aufstellen sollte. Daran arbeiten wir gerade.

Ich weiss nicht, ob es ausserhalb der Leitbilder, auf die man sich gerne stützen möchte, eine Patentlösung dafür gibt, wie man mit emotionalen Begegnungen fertig wird. Wenn mich eine Lebensgeschichte zum weinen bringt, dann weine ich. Aber ist das denn unprofessionell?

 – Sarah Kahn